Sprache, Elektronik und Massenbetrug

Hans Magnus Enzensberger schreibt sich im Spiegel 16/2016 den Frust „von der Seele“ – über sein Unverständnis unserer Welt, über die infamen Unternehmen, die den von ihnen produzierten „Elektroschrott“ gemeinsam mit Werbetreibenden und deren kryptischer Sprache an die Verbraucher bringen.

Wie Unternehmen mit Elektronikschrott und unverständlicher Sprache arbeiten
Enzensberger über Elektronikschrott und unverständliche Sprache

Tendenz: Elektronik als Massenbetrug; mit angeblich langlebigen Produkten, die aber möglicherweise eine geplante Obsoleszenz aufweisen – zumindest jedoch laut Umwelt-Bundesamt viel zu kurz genutzt werden.

Warum eigentlich Kritik – in der Sache hat Enzensberger Recht. Was die Sprache angeht jedenfalls schon. Oder?

Durchaus lesenswert, und rein sprachlich hat Enzensberger mit seinem Wutausbruch Recht – d.g.e.j.i.m.w.,d.d.d.S.d.K.u/o.A.v.w. (= das gibt es ja immer mal wieder, dass die deutsche Sprache durch Kürzel und/oder Anglizismen verunstaltet wird)! Da spricht Enzensberger auch mir aus der Seele.

Christian Stöcker und Hans Magnus Enzensberger: Zwei Meinungen, eine Sprache?
Sprache und mehr: Christian Stöcker vom Spiegel antwortet auf Hans Magnus Enzensbergers Wutausbruch.

Dennoch gibt es teilweise verständliche Kritik, wie etwa die Spiegel-Antwort von Christian Stöcker. Er findet, Enzensberger sollte Firmennamen wie Spotify, Instagram oder EyeEm nicht mit den verschleiernden Abkürzungen in einen Topf werfen. Stimmt, das passt irgendwie nicht zur Verschleierungs- und Betrugsthese. Auch dass Enzensberger auf den Sack haut und irgendwie alle dabei trifft, ist wohl eher so. Das nimmt dem „restlichen Wutausbruch“ aber nichts von seiner Schärfe.

Die Welt kritisiert den Wutausbruch von Hans Magnus Enzensberger im Spiegel
Die Welt kritisiert den Wutausbruch von Hans Magnus Enzensberger im Spiegel

Ganz anders dagegen die Kulturkritik der Welt von Richard Kämmerling. Seine Ausführungen überzeugen mich nicht – vor allem dann, wenn es um die No-Gos (!) der Neunziger Jahre und ein „immer noch mittelstufentaugliches Gedicht“ von Ingeborg Bachmann aus den Fünfzigern und den ein Jahr später von Enzensberger veröffentlichten „epochalen Band »Verteidigung der Wölfe«“ geht. Autsch!

Auf jeden Fall lohnt es sich, den Wutausbruch zu lesen. Vieles, was Enzensberger schreibt, hat wohl jeder von uns schon mal erlebt. Vor allem diese Wut, wenn mal wieder ein technisches Produkt kurz nach Ablauf der Garantie den Geist aufgab und entweder eine teure Reparatur oder eine Neuanschaffung fällig wurde. Oder wenn eine Bedienungsanleitung so voller Kürzel und Anglizismen steckt, dass ein vernünftiges Lesen „am Stück“ – und damit ein sofortiges Verstehen des Geschriebenen – unmöglich war. Ich jedenfalls verstehe HME 🙂 und seinen Wutausbruch gut.

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